Ergebnisse in einfachem Deutsch

Die Rolle von Vorstellungen zum Wissen und Wissenserwerb in den Inhaltsbereichen Geschichte und Physik für die Bewältigung geistiger Anforderungen beim Verstehen mehrerer Texte

Der angemessene Umgang mit Informationen, die über gedruckte oder digitale Technologien verfügbar sind, ist in der heutigen Gesellschaft ein wichtiges Thema geworden. Digitale Informationsquellen, wie das Internet, enthalten oft eine unüberschaubare Menge an ungefilterten Informationen, die eine Herausforderung für die Leser:innen darstellt, wenn es darum geht, Informationen aus verschiedenen Quellen zu bewerten und zu integrieren. In diesem Zusammenhang ist die Kompetenz, Informationen aus mehreren Texten erfolgreich zu verstehen, darzustellen und zu integrieren unerlässlich.

Es gibt immer mehr Belege dafür, dass "epistemische Überzeugungen" eine wichtige Rolle beim Verstehen mehrerer Texte spielen. Unter "epistemischen Überzeugungen" versteht man die individuellen Vorstellungen einer Person über Wissen und Wissenserwerb, z.B. ob Wissen statisch oder wandelbar ist. Es gibt eine Forschungstradition, die eine bestimmte Kombination von epistemischen Überzeugungen als naiv betrachtet. Empirische Untersuchungen zeigen, dass Personen, die solche "einfachen" Überzeugungen haben, Probleme bei der Integration von Informationen aus mehreren Dokumenten haben, da sie oberflächliche Strategien anwenden und nach der "Wahrheit" suchen, ohne dabei auf die Quellen zu achten.

Hintergrund und Fragestellungen der Studie

Unter der Annahme, dass sich epistemische Überzeugungen auf einen spezifischen Inhaltsbereich wie z.B. Geschichte beziehen, wird in dieser Studie untersucht, wie epistemische Überzeugungen in den Inhaltsbereichen Physik (stellvertretend für Naturwissenschaften) und Geschichte (stellvertretend für Geistes- und Kulturwissenschaften) die Beherrschung der geistigen Anforderungen beim Verstehen mehrerer Texte (z. B. der Vergleich von Quelleninformationen) beeinflussen. Dabei wird den folgenden Fragen nachgegangen:

  1. Sind Überzeugungen, die als fortgeschritten angesehen werden, in beiden Inhaltsbereichen mit dem Verstehen mehrerer Texte verbunden?
  2. Erhöhen fortgeschrittenere Überzeugungen über das Wissen in Geschichte die Wahrscheinlichkeit, dass Aufgaben zum Vergleich von Quellen richtig gelöst werden?
  3. Erhöhen fortgeschrittenere Überzeugungen über Wissen in Physik die Wahrscheinlichkeit, dass Aufgaben, die sich auf die Integration von Inhalten aus mehreren Texten konzentrieren, richtig gelöst werden?


Methodik

Die Studie wertet Daten von 156 Studierenden aus, die ihre epistemischen Überzeugungen in Physik oder Geschichte angaben sowie einen computergestützten Test zum Textverstehen mehrerer Dokumente bearbeiteten. Epistemische Überzeugungen wurden auf fünf Ebenen abgefragt:

  • Die erste Ebene bezieht sich auf die Einfachheit des Wissens, d.h. ob Wissen als einfach oder komplex angesehen wird.
  • Die zweite Ebene bezieht sich auf die Sicherheit des Wissens, d.h. ob Wissen eher als sicher (sich nicht verändernd) oder als vorläufig angesehen wird.
  • Die dritte Ebene bezieht sich auf den Grad, in dem Wissen persönlich gerechtfertigt werden kann (Fakten existieren und Wissen kann nicht durch persönliche Meinung begründet werden vs. Wissen kann durch persönliche Meinung begründet werden und es gibt keine Fakten).
  • Die vierte Ebene spiegelt Überzeugungen wider, dass Wissen von Autoritäten/Expert:innen weitergegeben wird.
  • Die fünfte Ebene bezieht sich auf Überzeugungen, dass Wissen nur durch mehrere Quellen gerechtfertigt werden kann.

Der Test zum Textverstehen mehrerer Dokumente besteht aus Fragen, die einem von vier Bereichen mit unterschiedlichen Anforderungen zugeordnet werden können:

  1. Inhalte über Texte hinweg vergleichen,
  2. Inhalte über Texte hinweg miteinander verknüpfen,
  3. Quellen einschätzen und vergleichen,
  4. Kombinieren von Quellen und Inhalt.


Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass das Verstehen mehrerer Texte signifikant durch die Ebene der persönlichen Rechtfertigung in Physik vorhergesagt wird. Dies bedeutet, dass Personen, die glauben, dass Wissen in Physik nicht durch persönliche Meinung und Erfahrung zu rechtfertigen ist, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, Aufgaben zum Umgang mit mehreren Texten richtig zu lösen, als Personen, die der persönlichen Meinung hohe Bedeutung beimessen.

Wenn - wie in der vorliegenden Studie - viele statistische Tests durchgeführt werden, können Ergebnisse (statistisch) bedeutsam erscheinen, obwohl sie nur zufällig zustande gekommen sind. Dies lässt sich statistisch korrigieren, allerdings kann dies dazu führen, dass bedeutsame Ergebnisse übersehen werden, da es sich um einen strengeren Ansatz handelt. Betrachtet man unsere Daten unter dem strengeren Ansatz, zeigen sich keine Interaktionseffekte zwischen epistemischen Überzeugungen und der Beherrschung spezifischer geistiger Anforderungen, aber die Ergebnisse ohne diese Korrektur deuten auf Zusammenhänge mit epistemischen Überzeugungen in Physik, nicht aber in Geschichte hin. Die Ergebnisse des weniger strengen Ansatzes unterstützen somit unsere Annahme, dass fortgeschrittenere epistemische Überzeugungen in Physik die Integration von Inhalten aus mehreren Texten fördern. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass fortgeschrittenere epistemische Überzeugungen in Geschichte den Vergleich von Quellen begünstigen.


Relevanz der Ergebnisse

Die Fähigkeit, mit mehreren Texten umzugehen, hilft Universitätsstudierenden nicht nur dabei, ihr Studium erfolgreich zu meistern, sondern auch, kompetent an der heutigen Gesellschaft teilzunehmen. Es konnte gezeigt werden, dass epistemische Überzeugungen akademische Leistungen, wie z.B. das Verstehen mehrerer Texte, vorhersagen können. Das Verständnis der Beziehung zwischen epistemischen Überzeugungen und dem Verstehen mehrerer Texte kann dabei helfen die Kompetenz des Verstehens mehrerer Texte bei Studierenden zu unterstützen. Wir gehen davon aus, dass eine Förderung von epistemischen Überzeugungen (hin zu fortgeschrittenen Überzeugungen) zu positiven Auswirkungen auf die Kompetenz beim Verstehen mehrerer Texte führen kann.


Die wissenschaftliche Publikation

Mahlow, N., Hahnel, C., Kroehne, U., Artelt, C., Goldhammer, F., & Schoor, C. (2022). The role of domain-related epistemic beliefs for mastering cognitive requirements in multiple document comprehension.Learning and Individual Differences, 94 , 102116. https://doi.org/10.1016/j.lindif.2022.102116 Freier Zugriff bis 5. März 2022: https://authors.elsevier.com/a/1ePsy3irP49O6a


Das Projekt

Die Studie ist entstanden im Rahmen des Projekts MultiTex, das vom BMBF gefördert wurde.